30.04.2021

Israel: Vorreiter beim Impfen und Digital-Pionier

Das Foto zeigt einen Teil der Stadt Jerusalem mit der Klagemauer im Vordergrund. Rechts im Bildvordergrund weht eine israelische Flagge.
Von einer Rückkehr zur Normalität wie hier an der Klagemauer in Jerusalem kann so manches Land bisher nur träumen. Foto: iStock.com/stellalevi

Israel ist seit der Covid-19-Pandemie in aller Munde. Nicht nur beim Impfen glänzt das Land, sondern auch bei der Digitalisierung. Wie das Gesundheitssystem des Mittelmeerstaates trotz geringer Ausgaben stabil und effizient bleibt.

Der junge Staat Israel war eines der ersten Länder, das seine Bürgerinnen und Bürger gegen das Corona-Virus geimpft hat. So hat das Land mit seinen neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung geimpft – darunter fast alle Alten und Risikopatienten. In sehr hohen Altersgruppen sowie bei Risikopatienten sind fast alle inzwischen geimpft. Die Impfkampagne gerät jedoch langsam ins Stocken. Große Bedenken gegenüber der Impfung haben vor allem zwei Gesellschaftsgruppen, die in Teil-Autonomie leben – ultra-orthodoxe Juden und die arabische Minderheit. Zudem schwindet die Impfbereitschaft bei der jüngeren Bevölkerung. Die Regierung greift daher nun zum Teil auf ungewöhnliche Maßnahmen zurück, um möglichst viele Menschen zum Impfen zu motivieren. Beispielsweise werden die Zögernden mit einem (alkoholfreien) gratis Drink in einer Bar oder mit einer kostenlosen Mahlzeit in einem Imbiss gelockt. Inzwischen werden sogar Impfungen „To-Go“ bei dem schwedischen Möbelhaus IKEA angeboten. Hier können sich die Shoppenden im Vorbeigehen in einer Kabine gegen das Coronavirus schützen lassen.

Der Erfolg der Impfkampagne ist zum einen auf die vorausschauende Beschaffung des Impfstoffs seitens der Regierung zurückzuführen. Israel war bereit, einen viel höheren Preis als zum Beispiel die EU zu bezahlen und verließ sich auf den Zulassungsprozess der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration), statt einen eigenen durchzuführen. Zudem versprach Premierminister Benjamin Netanyahu dem Impfstoffhersteller BioNTech/Pfizer, als Austausch Daten zur Impfkampagne bereitzustellen. Zum anderen ermöglichte das fortschrittlich digitalisierte Gesundheitssystem des Landes die schnelle Organisation der Impfungen.

Der Green Pass für Covid-19-geimpfte Menschen, damit sie wieder an kulturellen Veranstaltungen wie Konzerten und Ausstelllungen teilnehmen können. Foto: IMAGO / Action Pictures

Modernes digitales Gesundheitssystem

Israel startete bereits 1995 Projekte zum Austausch digitaler Gesundheitsdaten. Während Deutschland dieses Jahr erst die elektronische Patientenakte (ePA) einführt, ist diese in Israel seit gut zehn Jahren etabliert. Die ePA ermöglichte es nun für die Impfkampagne, Risikopatienten schneller identifizieren und kontaktieren zu können. Die Organisation der Impftermine kann so über die Krankenkassen erfolgen. Wer sich impfen lassen möchte, geht auf die Website seiner Krankenkasse, gibt seine Kennzahlen ein und wählt einen angebotenen Impftermin aus. Die weitere Kommunikation läuft über WhatsApp und Messenger. Mit einem sogenannten „Green Pass“, eine Art Impfausweis auf dem Smartphone, ermöglicht Israel den Corona-Geimpften nun auch einen Schritt zurück in die Normalität und erlaubt Restaurant-, Kino- oder Fitnessstudiobesuche.

Neben dem digitalen Impfausweis und der ePA gehören E-Rezepte und Telemedizin zum Standardrepertoire. Das moderne Gesundheitssystem geht jedoch mit Verlusten des Datenschutzes einher: Es mangelt an staatlicher Regulierung und Kontrolle sowie am Datenaustausch zwischen den Krankenkassen. Hier zeichnet sich jedoch ein Wandel ab. 2018 wurde der National Digital Health Plan verabschiedet. Mit diesem Plan fördert das Gesundheitsministerium unter anderem ein Projekt, mit dem eine Big-Data-Plattform mit anonymisierten Gesundheitsdaten der Israelis aufgebaut werden soll.

Zuständigkeiten der Gesundheitspolitik

Das Gesundheitsministerium ist zentral verantwortlich für die Gesundheit der israelischen Bevölkerung und die Versorgung im nationalen Gesundheitssystem. Darunter fällt auch die Regulierung der Krankenkassen und Gesundheitseinrichtungen. Zudem betreibt und besitzt das Ministerium etwa die Hälfte aller Krankenhäuser. Die größte Krankenkasse besitzt ein weiteres Drittel der Kliniken, der Rest wird durch eine Mischung aus gemeinnützigen und gewinnorientierten Organisationen getragen.

Der Digitalisierungsschub 1995 ging mit dem National Health Insurance Law (NHI) einher. Das Gesetz sollte viele Lücken in der Gesundheitsversorgung schließen. Das NHI verpflichtet alle im Land ansässigen Bürgerinnen und Bürger sowie Menschen mit ständiger Aufenthaltsgenehmigung, einer der vier offiziellen Krankenversicherungsorganisationen (Health Funds) beizutreten. Die Gesundheitsorganisationen werden gemeinnützig geführt und sind nicht gewinnberechtigt. Clalit (53 Prozent) und Macabi (25 Prozent) sind die beiden größten Krankenkassen, während Leumit (9 Prozent) und Meuhedet (13 Prozent) einen eher kleinen Marktanteil ausmachen. Untereinander stellen die Krankenkassen einen Wettbewerb über die Dienstleistungsangebote her. Zudem können sie die Gesundheitsversorgung relativ unabhängig von der Regierung gestalten. Der Wettbewerb untereinander und die Autonomie der Krankenkassen fördern auch den Innovationsfortschritt des Gesundheitswesens.

Das NHI sieht vor, dass die Krankenkassenmitglieder Anspruch auf eine vom Staat festgelegte, jährlich angepasste medizinische Leistungspalette, den sogenannten Gesundheitskorb (health basket), haben. Da der Gesundheitskorb jedoch nur langsam angepasst wird und somit Lücken aufweist, müssen die Versicherten häufig bei ihren Krankenkassen Zusatzversicherungen abschließen. Die Krankenkassen bieten hier eine breite Palette an medizinischen Leistungen an. Jedoch kann der Staat diese Leistungen jederzeit anpassen und die Deckung erhöhen oder verringern. Um dennoch ausreichend versorgt zu sein, haben rund 35 Prozent der Israelis eine kommerzielle Privatversicherung abgeschlossen.

Reisende erhalten Covid-19-Tests bei ihrer Ankunft am internationalen Flughafen Ben Gurion in der Nähe von Tel Aviv. Foto: IMAGO / Xinhua

Community-Ärzte

Die dezentrale Struktur des Gesundheitssystems war ein weiterer Grund für die die schnelle Durchimpfung der Bevölkerung. Zudem konnten sogenannte Community-Gesundheitszentren als Standorte für die Covid-19-Impfungen genutzt werden. Die Communities (Primary Care) haben in Israel eine lange Geschichte. Hier findet die primäre Gesundheitsversorgung statt, während den Krankenhäusern nur eine subsidiäre Rolle zukommt. Sie dienen als „Eintrittspunkt“ und fungieren als Gatekeeper zur Krankenhaus- und Facharztversorgung. Innerhalb von drei Tagen ist es dort möglich einen Termin zu bekommen, meistens noch am selben Tag.

Eine freie Arztwahl, wie wir sie in Deutschland kennen, haben die Israelis nicht. Die Versicherten können nur unter Community-Ärzten sowohl Hausärzte als auch Fachärzte wählen, die ihrer jeweiligen Krankenkasse angehören. In den meisten Fachgebieten und in den meisten Gegenden des Landes ist jede Krankenkasse mit zahlreichen Ärztinnen und Ärzten verbunden, so dass es eine Wahl in der Praxis gibt. Trotzdem gibt es einige Fachgebiete (zum Beispiel Kinderpsychiatrie) und Regionen (zum Beispiel die Wüste Negev), in denen die Auswahl eingeschränkter ist. Wenn ein Mitglied eine Ärztin oder einen Arzt möchte, die oder der nicht mit den Krankenkassen verbunden ist, ist nicht garantiert, dass das Grundversorgungspaket der Krankenkasse das abdeckt. Mit den Zusatzversicherungsprogrammen kann dies jedoch gewährleistet werden.

Das Foto zeigt eine kleine Bar in Israel am Abend. Vor der Bar stehen drei Tische auf der Straße. Am Tresen und an den Tischen sitzen Gäste.
Seit März haben Bars und Restaurants in Israel unter Auflagen wieder geöffnet. Foto: IMAGO / Agencia EFE

Effizientes Gesundheitssystem

Der Gesundheitszustand der israelischen Bevölkerung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verbessert. Dennoch sind laut nationalen Umfragen nur 61 Prozent der Israelis zufrieden oder sehr zufrieden mit dem gesamten Gesundheitssystem. Anders sieht es mit den Krankenversicherungen aus. Hier zeigen sich rund 90 Prozent der Israelis zufrieden oder sehr zufrieden, bei der Krankenhausversorgung sind es 75 Prozent.

Israel gibt 7,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes für das Gesundheitswesen aus, Tendenz steigend. Die nationalen Gesundheitsausgaben werden in Israel mit einer sogenannten Gesundheitssteuer und allgemeinen Steuereinnahmen von dem National Insurance Institute eingezogen. Ausgezahlt wird dieses Geld an die Krankenkassen gemäß einer Kopfpauschale, welche Alter, Geschlecht und Wohnort berücksichtigt. Das Gesundheitssystem wird zu einem großen Teil aus öffentlichen Geldern (rund ein Drittel), über die Krankenkassen (27 Prozent) und aus privater Hand (39 Prozent) finanziert.

Der Anteil der privaten Finanzierung hat in der Vergangenheit zugenommen. So stiegen die Gesundheitsausgaben von 32 Prozent im Jahr 1995 auf 39 Prozent im Jahr 2012 (im Vergleich: in der EU sind es 27 Prozent). Wegen der langsamen Verschiebung von der öffentlichen zur privaten Finanzierung hat der Staat in den vergangenen Jahren versucht, verstärkt regulierend einzugreifen.

Grafik: KloseDetering

Israels Fähigkeit, seine relativ niedrigen Gesundheitsausgaben aufrechtzuerhalten, ist wahrscheinlich teilweise ein Spiegelbild seiner recht jungen Altersverteilung. Das Land weist eine hohe Geburtenrate auf und hat einen geringen Anteil von älteren Personen an der Gesamtbevölkerung (lediglich elf  Prozent sind 65 Jahre und älter). Zugleich ist die Lebenserwartung hoch und eine steigende Zahl der Bürgerinnen und Bürger wird älter als 85 Jahre. Dies stellt in Zukunft die Gesundheitsversorgung in Israel jedoch vor große Herausforderungen.

Lea Hanke