14.02.2022

Gesundheit anderswo

Spanien: Sparmaßnahmen führen zu Kollaps

Das spanische Gesundheitssystem ist stark regionalisiert, was sich auch in der Corona-Pandemie bemerkbar macht – insbesondere bei den Schutzmaßnahmen gegen das Virus.. Foto: iStock.com / GoranQ

Viele Jahre galt das spanische Gesundheitssystem im internationalen Vergleich als sehr gut – die Leistungen für Versicherte waren umfangreich, Kosten durch Zuzahlungen eher die Ausnahme. Dann führten Sparmaßnahmen in Folge der Finanzkrise zu einem Wandel – und einem Personalmangel: Ärztinnen, Ärzte und medizinische Fachangestellte fehlten plötzlich. Die Auswirkungen spürt das südeuropäische Land insbesondere während der Corona-Krise.

 

Das Land auf der iberischen Halbinsel zählt mit gut 47 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern zu den bevölkerungsreichsten Staaten Europas. Die parlamentarische Monarchie Spanien umfasst 17 autonome Regionen und zwei Exklaven vor Nordafrika.

Die gesundheitlichen Kennzahlen des Landes erscheinen zunächst solide: Laut spanischem Gesundheitsministerium (Ministerio de Sanidad) denken fast acht von zehn Spaniern, dass sie bei guter Gesundheit seien. Mit diesem Wert liegt Spanien über dem Durchschnitt der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD), der bei 69 Prozent steht. Ebenfalls leicht überdurchschnittlich rangieren die Gesundheitsausgaben, die neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen. Die Ausgaben für Arzneimittel nehmen rund 16 Prozent der Gesundheitsausgaben ein.

Die Lebenserwartung liegt mit durchschnittlich 83 Jahren im weltweiten Vergleich auf den vorderen Plätzen. Frauen werden demnach im Schnitt 85,1 Jahre alt, Männer haben bei der Geburt eine Lebenserwartung von 79,7 Jahren. Der Bevölkerungsanteil der älteren Generation ab 65 Jahre beträgt in Spanien 19 Prozent. Fast 70 Prozent zeigen sich laut spanischem Gesundheitsministerium mit dem nationalen Gesundheitssystem (Sistema Nacional de Salud) zufrieden. Dagegen ist ein Fünftel der Spanierinnen und Spanier der Meinung, dass es Veränderungen in der medizinischen Versorgung geben müsste.

Freie Versorgung mit Lücken

Das spanische Gesundheitssystem ist per Gesetz frei zugänglich. So wird jeder Bürgerin und jedem Bürger das Recht auf eine gesundheitliche Versorgung garantiert. Entsprechend sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation etwa 99,1 Prozent der Bevölkerung durch die öffentliche Versicherung abgedeckt. Seit den 1980er-Jahren gibt es einen öffentlichen Gesundheitsdienst. Dieser ist seit Anfang der 2000er regionalisiert. Das bedeutet, dass die Regionen die Versorgung organisieren und bereitstellen. Der Staat koordiniert zwischen den einzelnen Regionen und ist zuständig für Leistungskatalog und Arzneimittel. Seit 2009 besitzen die Regionen zudem finanzielle Selbstständigkeit.

In erster Linie stellen Steuermittel die gesundheitliche Versorgung sicher – Zuwendungen vom Staat an die einzelnen Regionen und Steuern, die durch die Regionen selbst erhoben werden. Eine direkte Gesundheitssteuer gibt es indes nicht. Zuzahlungen beziehungsweise Kostenübernahmen der Patientinnen und Patienten tragen einen weiteren Teil zur Finanzierung bei. Die Regionen verfügen über jeweils einen eigenen Gesundheitsdienst, der das Budget an Gesundheitseinrichtungen weitergibt und die medizinische Versorgung koordiniert.

Versicherungen spielen in Spanien keine so große Rolle wie in Deutschland. Es steht den Bürgerinnen und Bürgern frei, eine zusätzliche Privatversicherung abzuschließen, mit der die Versicherten Vorteile beanspruchen können. Diese trägt viele Behandlungskosten, die gesetzlich nicht abgedeckt sind – beispielswiese zahnärztliche Leistungen. Auch die üblicherweise sehr langen Wartezeiten können dadurch bei einigen Leistungen verkürzt werden.

Etwas mehr als 20 Prozent der spanischen Bürgerinnen und Bürger machen von solchen Zusatzversicherungen Gebrauch. Beschäftigte im öffentlichen Dienst erhalten durch gesonderte Versorgungsdienste ebenfalls zusätzliche Absicherungen. Kranken- und Elterngeld werden durch Sozialversicherungsbeiträge finanziert – diese setzen sich aus einem Anteil des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers zusammen, wobei der Arbeitgeber den Hauptanteil des Beitrages zahlt.

Gesundheitszentren (Centros de Salud) bilden das Fundament des spanischen Gesundheitssystems – wie hier in Getafe, einer Vorstadt von Madrid. Foto: IMAGO / Lagencia

Gesundheitszentren erste Anlaufstelle

In Spanien sind Gesundheitszentren die erste Anlaufstelle für Patienten und Patientinnen. Rund 3.000 dieser Einrichtungen zählte das spanische Gesundheitsministerium im Jahr 2021. Oftmals sind in den Gesundheitszentren mehrere Fachrichtungen ansässig – neben der Allgemeinmedizin sind dies oft Kindermedizin und teilweise auch Pyhsiotherapie. Arztpraxen zählt das Land rund 10.000, bei den Ambulanzen sind es etwa 2.000.

In der Regel sind die Einwohner einem Hausarzt zugeteilt, den sie aber mit ein wenig Aufwand wechseln können. Der Hausarzt dient als eine Art Vermittler und überweist bei Bedarf zum zuständigen Facharzt. Die Grundversorgung und die Behandlung in staatlichen Krankenhäusern ist für die Patienten und Patientinnen kostenfrei, ebenso die Vorsorge.

Den Aufenthalt in Privatkliniken und die Konsultation eines Spezialisten zahlen sie aus eigener Tasche. Privatkliniken sind in Spanien vertraglich an den öffentlichen Gesundheitsdienst angeschlossen. Bei den Arzneimitteln müssen die Patientinnen und Patienten eine Zuzahlung leisten – seit der Reform 2012 wurden diese angepasst, so dass auch Rentnerinnen und Rentner nicht mehr ausgenommen sind. Die Höhe der Zuzahlungen richtet sich dabei nach dem Haushaltseinkommen. Bis zu 60 Prozent der Kosten müssen Patienten aus eigener Tasche bezahlen.

Sparpolitik seit der Euro-Krise

Seit der Finanzkrise um das Jahr 2010 hat Spanien spürbare Sparmaßnahmen ergriffen und nicht nur die Gesundheitsausgaben reduziert. Auch die personellen Ressourcen in den Kliniken, sowie das Krankenhausinventar wurden drastisch verkleinert. So entwickelte sich laut Werten der OECD die Anzahl der vorhandenen Krankenhausbetten in Spanien von 365 pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner im Jahre 2000 auf 311 im Jahre 2010 bis zu 297 im Jahre 2018. Für das aktuelle Kalenderjahr zählt das spanische Gesundheitsministerium etwa 240 Betten pro 100.000 Einwohner.innen und Einwohner. Zum Vergleich: Deutschland verfügte 2019 über gut 791 Betten pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Auch beim Pflegepersonal ist ein deutlicher Unterschied erkennbar: So hatte Spanien 2019 etwa 5,9 Pfleger pro 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner, Deutschland hatte für die gleiche Anzahl an Personen 13,9 Pflegekräfte zur Verfügung. Bei der Anzahl der Ärzte liegen beide Länder mittlerweile gleichauf: Im Jahr 2019 waren es 4,4 Ärzte pro 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner.

Hunderte Menschen warten vor einem Messegelände in Barcelona auf ihre Booster-Impfung – das Land hat eine der höchsten Impfquoten in Europa. Foto: IMAGO / ZUMA Wire

Wellenritt in die Corona-Endemie

Innerhalb Europas galt Spanien lange als das am stärksten vom Corona-Virus betroffene Land. Mittlerweile durchläuft es seine sechste Pandemie-Welle – durch die Omikron-Variante mit Rekordzahlen bei den Neuinfektionen. Dennoch ist die spanische Regierung gewillt, zum gesellschaftlichen Normalzustand zurückzukehren und das Virus wie eine normale Grippe zu behandeln. Noch fallen die Infektionsschutzmaßnahmen regional aber höchst unterschiedlich aus: Während in Katalonien beispielsweise eine nächtliche Ausgangssperre gilt, ist in der Hauptstadt Madrid – mit Ausnahme einer Maskenpflicht – wieder ein gewisser Alltag eingekehrt.

Durch die „Grippalisierung“ wird nun angestrebt, gesundheitliche und wirtschaftliche Interessen wieder in Einklang zu bringen. Denn: Die Wirtschaft auf der iberischen Halbinsel wurde von der Pandemie schwer getroffen. Zwischenzeitlich sah etwa die OECD beim Bruttoinlandsprodukt ein Minus von bis zu elf Prozent voraus. Mittlerweile haben sich die Prognosen wieder erholt und befinden sich auf einem langsamen, aber stetigen Positivtrend für die kommenden Jahre. Auch die bereits vor Pandemiebeginn hohen Arbeitslosenzahlen schossen in den ersten Wellen in die Höhe – auf über 22 Prozent. Insbesondere die Tourismusbranche litt massiv unter den Kontaktbeschränkungen, Lockdowns und Reisewarnungen. Geschäftsschließungen und Massenkündigungen waren die Folge.

Doch vor allem die spanische Impfkampagne hat dem Land wieder Hoffnung gegeben. Inzwischen sind mehr als 85 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal gegen das Corona-Virus geimpft, mehr als jede und jeder Vierte erhielt bereits die zweite Dosis. Auch die Booster-Kampagne läuft auf Hochtouren. Zwar ist die Impfquote im Nachbarland, Impf-Europameister Portugal, noch höher, dennoch steht auch Spanien im europäischen Vergleich sehr gut dar. Dadurch ist ein Déjà-vu mit überfüllten Krankenhäusern und vielen Corona-Toten, wie es sie noch in den ersten beiden Wellen gab, sehr unwahrscheinlich. In Kombination mit größtenteils milden Krankheitsverläufen durch Omikron überrascht es daher nicht, dass die spanische Regierung ihren Bürgerinnen und Bürgern nun den endemischen Zustand in Aussicht stellt – und damit die Rückkehr in ein halbwegs normales Leben. Wie nachhaltig sich die spanische Gesellschaft, Wirtschaft und das bereits vor der Pandemie angeschlagene Gesundheitssystem von der Krise erholen können, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Birte Christophers/Hendrik Schmitz

 

(Dieser Artikel erschien ursprünglich im September 2020. Er wurde aktualisiert und in leicht abgeänderter Form online gestellt.)

 

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