07.04.2022

Klimaschutz in der Praxis

„Wir brauchen große Lösungen“

Der Klimawandel ist im Gesundheitssektor ein wichtiges Thema: Was können Arztpraxen zum Klimaschutz beitragen? Foto: Adobe Stock / RioPatuca Images

Gerade erst hat der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change [IPCC]) seinen zweiten Teilbericht zu den Folgen der zunehmenden Extremwetterereignisse vorgelegt: Dürre, Trinkwasser-Mangel, Hitze-Tote, Überflutungen – viele Gefahren sind bekannt. Aber was lässt sich dagegen tun? Wie muss das Gesundheitswesen handeln? Und was können Arztpraxen machen, um ihre Umweltbilanz zu verbessern?  

„Die Weltgesundheitsorganisation sieht in der Klimakrise die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts“, sagt Max Bürck-Gemassmer.

Max Bürck-Gemassmer ist als Hausarzt in seiner Praxis in Berlin-Treptow tätig. Foto: privat

Der Facharzt für Allgemeinmedizin aus Berlin-Treptow engagiert sich unter anderem bei der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). „In der Praxis-Realität schlägt sich die Größe dieser Aufgabe noch nicht nieder, im Praxis-Alltag wird die dringende Notwendigkeit zu handeln noch nicht realisiert“, mahnt der Hausarzt. Dabei sei es höchste Zeit. „Die Auswirkungen, die wir heute sehen, treten viel schneller auf und sind zerstörerischer und weitreichender als vor 20 Jahren erwartet“, heißt es in dem IPCC-Report. Wissenschaftler warnen seit langem davor, dass der Klimawandel die größte Gesundheitsbedrohung dieses Jahrhunderts ist. Bereits im Jahr 2009 hat „The Lancet“ dieses Problem aufgrund eines Berichts, den das medizinische Fachjournal in Zusammenarbeit mit dem University College London herausgebracht hat, klar benannt. Die Studie befasst sich mit den Folgen der Erderwärmung.

 

Schutzkonzept für Hitzewellen

Eine dieser Folgen ist die Zunahme von Hitzewellen auch in hiesigen Breitengraden. „In Kanada kam es im vergangenen Juni großflächig zu einem verheerenden Hitzedom auf dem 51. nördlichen Breitengrad, auf dem auch Frankfurt liegt. In Deutschland und Europa kommt es seit 2003 zunehmend zu starken und extremen Wärmebelastungen mit großflächigem Auftreten und noch höher belasteten städtischen Hitzeinseln, die ohne Schutzkonzepte tödliche Dimensionen annehmen können", konstatiert Dr. Ralph Krolewski. Der Hausarzt aus dem Oberbergischen ist für solche Extremwetterlagen bereits bestens gewappnet.

Dr. Ralph Krolewski erledigt Hausbesuche bei seinen Patientinnen und Patienten im Bergischen Land häufig per Rad. Foto: privat

„Ich habe Messgeräte, ich verfüge über einen Hitzetracker und kann die gefühlte Temperatur bei Hitzewellen messen. Und ich habe ein ausgearbeitetes Hitzeschutzmanagement bei Hitzewellen – patienten- und ablaufbezogen“, sagt der Allgemeinmediziner, der in Gummersbach niedergelassen ist und sich in vielen Arbeitsgruppen engagiert. Mit einem weiteren Messgerät kann er zudem ultrafeine Feinstaube mobil von seinem Fahrrad aus messen. Krolewski: „Das heißt, ich habe eine Ausstattung für einen ,Klima-Docʻ – so nenne ich das –, die ich genauso wie ein Blutzuckermessgerät einsetze, nicht nur patientenbezogen, sondern auch um Umweltgefahren zu erkennen und zu einer Einschätzung zu kommen, was auch die Gesundheit betrifft.“

Szenarien, die sich mit den Ereignissen in Kanada vergleichen lassen, bespricht der Arzt mit dem Rettungsdienst vor Ort. „Mit diesen Szenarien müssen wir uns in Deutschland beschäftigen – und zwar jetzt schon im Jahr 2022“, so Krolewski. Abhängig von der Klimaentwicklung, würden solche Ereignisse zunehmen, ist er überzeugt. Dann müssen zahlreiche Fragen geklärt sein – zum Beispiel: Mit welchen Krankheitsbildern ist in diesen Situationen zu rechnen? In welche Krankenhäuser, wenn diese selbst bis auf die Intensivstationen überhitzt sind, werden Schwerstkranke eingeliefert? Die Hitzewelle in British Columbia forderte offiziellen Statistiken zufolge über 560 Menschenleben. Zudem kamen unzählige Wildtiere und gemäß Schätzungen von Branchenverbänden mehr als
650.000 Nutztiere ums Leben.

Allergien und exotische Mücken

Auch Bürck-Gemassmer hat den Schutz vor Hitze längst in seinen Praxisalltag integriert. Flyer geben Patientinnen und Patienten Informationen, wie sie sich bei Hitzewellen am besten verhalten sollten. Gerne verweist der Arzt auch auf das breite Spektrum an Ratschlägen, die KLUG konkret online zur Verfügung stellt. „Die Menschen müssen wissen, wie sie sich im konkreten Fall schützen oder wen sie kontaktieren können“, erklärt Bürck-Gemassmer. Krolewski erinnert auch daran, dass noch ganz andere Aspekte bei der Vorbereitung auf Hitzeszenarien zu beachten sind: „Bei über 40 Grad in der dritten Etage eines Gebäudes, das komplett überhitzt ist, Rettungseinsätze zu haben, ist sehr schwierig. Nach 20 Minuten sind die Rettungskräfte ohne Schutz selber am Ende ihrer Kraft und brauchen gut 45 Minuten Erholungszeit in kühler Umgebung.“

 

Mit Flyern und Info-Broschüren für ein besseres Klima: Hausarzt Bürck-Gemassmer samt seinem Praxisteam. Foto: privat

 

Unter gesundheitlicher Perspektive ist die Erderwärmung durch Infektionskrankheiten sowie exotischen Insekten oder Parasiten, die sich immer mehr hierzulande ansiedeln und verbreiten, ebenso erkennbar. Krolewski: „Vektorbezogene Erkrankungen werden sich ausdehnen. Asiatische Tigermücken haben wir schon in Deutschland. Die wandern mit der Erwärmung nach Norden, 160 Kilometer im Jahr.“ Die Insekten sind unter anderem Überträgerinnen von Zika- und Denguefieber.

Das Beifußblättrige Traubenkraut verursacht neue Allergien in Deutschland. Foto: IMAGO / Shotshop

Auch die Zunahme von Allergien ist ein klares Indiz für den Klimawandel. „Durch den Klimawandel verschieben sich Vegetationszonen. Wir beobachten die Verschiebung von Ökosystemen“, erläutert Professor Claudia Traidl-Hoffmann, Leiterin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich. „Der Pollenflug nimmt zu. Wir haben eine längere Pollenflugzeit im Jahr, wir haben mehr Pollen pro Tag. Wir haben aggressivere Pollen durch Umweltverschmutzung. Und wir haben auch neue Pollen wie zum Beispiel die des Beifußblättrigen Traubenkrauts, welches neu nach Deutschland gekommen ist und neue Allergien bei uns verursacht“, schildert die Ärztin, eine der führenden internationalen Umweltmedizinerinnen. „Wir haben jetzt ja schon 30 bis 40 Prozent Allergiker in Deutschland, Tendenz steigend – auch aufgrund dieser Effekte des Klimawandels.“

 

Gesundheitsbranche als Emittent

Das Gesundheitswesen selbst erzeugt einen erheblichen CO2-Ausstoß. In Deutschland ist der Gesundheitssektor für 5,2 Prozent der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich – beispielsweise durch Faktoren wie die Arzneimittelproduktion, den Betrieb von Praxen und Kliniken oder Krankentransporte. „Wir müssen auch ein klimaneutrales Gesundheitswesen anstreben – am besten bis 2035“, fordert Krolewski. Die Delegierten beim 125. Deutschen Ärztetag mit dem Schwerpunktthema „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“ betonten kürzlich: „Das Gesundheitswesen hat ein beträchtliches Potenzial, selbst einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.“ Die Ärzteschaft möchte möglichst bis 2030 eine Klimaneutralität erreichen.

Ein qualmender Fabrik-Schlot: Nicht nur die Industrie verursacht schädlichen CO2-Ausstoß – auch der Gesundheitssektor ist für klimaschädliche Emissionen verantwortlich. Foto: IMAGO / Panthermedia

Nun sind schnelle, vor allem aber nachhaltige Lösungen gefragt. „Wir brauchen Recycling-Strukturen im Gesundheitswesen“, sagt Krolewski und nennt Beispiele für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft: „Wir müssen Einmalprodukte – zum Beispiel solche, die wir bei kleiner Chirurgie benutzen wie Einmalskalpelle, Einmalpinzetten, Einmalscheren oder Einmalnadelhalter – recyclen können. Wir müssen im Bereich Plastikabfälle große Lösungen finden.“ Diese sind auch mit Blick auf andere Ursachen des Klimawandels gefragt. „Wir müssen uns auch anschauen, wie Finanzströme organisiert werden“, mahnt Krolewski. „Wenn zum Beispiel die Gelder, die wir erwirtschaften und in Altersrückstellungen bei den Ärzteversorgungswerken gehen, stellt sich die Frage: Welche Anlagestrategie wird da verfolgt? Wird in grüne Fonds investiert oder finanzieren wir in renditefördernden Anlagemodellen immer noch die fossilen Brennstoffe?“ Das sei international ein großes Thema.

 

Public-Health-Gedanke in Ärzteschaft

Ein Umdenken empfiehlt Krolewski darüber hinaus in anderer Hinsicht: „Ich fände es total spannend, wenn sich die Ärzteschaft auch für Public Health interessiert. Denn nur in diesem Zusammenhang kommen wir weiter.“ Im Austausch mit angloamerikanischen Kolleginnen und Kollegen hat er festgestellt, dass das Public-Health-Verständnis dort weiter geht als hierzulande. „Wir haben in der deutschen Ärzteschaft immer noch die Individualmedizin“, so der Hausarzt.

„Die ist natürlich wichtig. Die haben wir gelernt. Die müssen wir auch praktizieren. Wenn wir als Ärzte eine Gesellschaft vor den Folgen eines Klimawandels schützen und Klimawandel auch so schnell wie möglich eingrenzen wollen, hat das Gesichtspunkte einer individuellen Medizin als auch eine ganz große Public-Health-Komponente.“ Die könne man nicht über den Öffentlichen Gesundheitsdienst stemmen, sondern müsse man in den Praxen und Kliniken aufgreifen, fordert er.

 

Klimaschutz per Sprechstunde

Naheliegend ist, schon bei Patientinnen und Patienten über einen klimafreundlicheren Lebensstil aufzuklären – mit dem positiven Nebeneffekt, zugleich auch etwas für die Gesundheit zu tun. Sogenannte „Klimasprechstunden“ zielen nicht so sehr darauf ab, mittels Vortrag auf globale Folgen und Auswirkungen des Klimawandels hinzuweisen, sondern konkret gesundheitliche oder therapeutische Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten im Alltag zu analysieren und zu optimieren – etwa bei der Bewegung oder Ernährung. „Ich versuche das in jedes Gespräch mit Patientinnen und Patienten mit einfließen zu lassen“, führt Traidl-Hoffmann aus. „Ich habe viele Patientinnen und Patienten mit Allergien oder mit Neurodermitis. Da ist es hochrelevant. Ich versuche, das Thema Klima auf die Erkrankung, auf die Patientin oder den Patienten individualisiert anzusprechen. Ich implementiere das in meinen Arzt-Patienten-Kontakt.“ Bei Patientinnen und Patienten mit unspezifischen umweltbedingten Erkrankungen räumt die Allergologin einer Ernährungsberatung zu fleischarmem und pflanzenbasiertem Essen, das gut für Gesundheit und Klima ist, viel Zeit ein. Traidl-Hoffmann informiert standardmäßig in ihren Sprechstunden über klassische Co-Benefits fürs Klima sowie für Patientinnen und Patienten.

Terminvergabe in einer Arztpraxis: Viele Patientinnen und Patienten begrüßen Klima-Informationen mit Bezug zur eigenen Gesundheit. Foto: iStock / stockfour

Die Reaktionen von Patientinnen und Patienten fallen zustimmend aus. Diese Erfahrung macht auch Bürck-Gemassmer, der eine solche Beratung ebenfalls in den Praxis-Alltag integriert hat: „Ich trete dabei nicht missionarisch auf. Gerade in der Corona-Zeit, in der viele Angst hatten und unsicher waren oder noch sind, hatte ich die Sorge, dass ich zusätzliche Ängste hervorrufe und die Verunsicherung verstärke. Aber im Gegenteil: Ich bin bisher nur auf positive Resonanz gestoßen. Die Menschen nehmen das Problem des Klimawandels wahr und sind besorgt.“ Deshalb hofft der Berliner Hausarzt auch andernorts auf mehr Bewusstsein und Engagement: „Grundsätzlich haben wir auf allen Ebenen ein Riesen-Problem. Wir brauchen die Fachgesellschaften und die Kassenärztlichen Vereinigungen. Wir müssen sie dazu bringen, sich bei diesem großen Thema mit einzubringen.“ Längst ist ärztliches Engagement für ein besseres Klima verbreitet.  Organisationen und Arbeitsgruppen (AG) kümmern sich um das Thema, informieren, geben Ratschläge – exemplarisch ist neben KLUG, die eigens auch eine Infoseite für Praxen anbietet, zum Beispiel die AG Klimawandel der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Um den Gedanken, dass Klimaschutz Gesundheitsschutz ist, zu verankern, braucht es eben große Lösungen.

Thomas Schmitt