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07.04.2022

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann

„Klima-Sprechstunden müssen in den täglichen Patientenkontakt mit einfließen“

Professorin Claudia Traidl-Hoffmann ist eine führende Expertin auf dem Gebiet der Umweltmedizin und Allergologie. Foto: Anatoli Oskin, Universität Augsburg

Professorin Claudia Traidl-Hoffmann ist Fachärztin für Dermatologie, Venerologie und Allergologie. Sie erforscht unter anderem, welche Folgen veränderte Klimabedingungen für die Gesundheit der oder des Einzelnen haben. Im Klartext-Interview spricht sie über Krankheiten als Folge des Klimawandels und darüber, was Ärztinnen und Ärzte in Praxen zum Klimaschutz beisteuern können.

Welche Rolle spielen Umwelt und Klima insgesamt für unsere Gesundheit?

Eine sehr zentrale Rolle. Umwelt ist das, was uns gesund halten sollte. Aber die Umwelt, wie sie bei uns in Deutschland und Europa ist, macht uns immer häufiger krank. Und wie wir unsere Umwelt gestalten und verschmutzen, lässt den Klimawandel weiter voranschreiten.

 

Warum ist Klimaschutz für unsere Gesundheit denn so wichtig?

Der Klimawandel bringt die ganze Erde durcheinander. Und so wie der Klimawandel den ganzen Planeten auf den Kopf stellt, so bringt er auch unser ganzes System Mensch durcheinander. Der Klimawandel macht krank von Kopf bis Fuß.

Er beeinträchtigt unsere mentale Gesundheit, unsere Lunge, unsere Haut, selbst unsere Bauchspeicheldrüse: Diabetes nimmt durch steigende Temperaturen zu. Dazu kommen noch neue Infektionen, also vektorvermittelte Erkrankungen. Das sind Erkrankungen, die durch Zecken oder Mücken übertragen werden – zum Beispiel die Frühsommer-Meningoenzephalitis, die Borreliose, Chikungunya oder das West-Nil-Fieber. Ich habe noch gelernt, dass es eine Tropenkrankheit sei, aber wir haben das West-Nil-Virus bei uns in Deutschland. Wenn wir nicht versuchen, den Klimawandel abzumildern und gleichzeitig natürlich auch uns anzupassen, dann wird das unsere Gesundheit stark beeinträchtigen. Und es ist am Ende sogar eine Gefahr für die Menschheit an sich.

Die Gelbfiebermücke – auch Ägyptische Tigermücke genannt – überträgt einige Viruserkrankungen, unter anderem Gelbfieber oder Dengue-Fieber. Foto: IMAGO / agefotostock

Und diese Krankheiten sind auf den Klimawandel zurückzuführen?

Der Klimawandel ist auch eine Gesundheitsfrage: Hitzestress bedroht gerade auch ältere Menschen. Foto: iStock / fizkes

Das sind Dinge, die mit Erderwärmung assoziiert sind. Große epidemiologische Studien weltweit zeigen diese Verbindungen. Was natürlich noch hinzukommt – und das ist das größte Problem –, ist Hitze. Da sind es eben nicht die 1,52 Grad, die es im Schnitt wärmer wird, sondern es treten vermehrt Hitzeperioden auf. Hitzetage mit mehr als 35 Grad werden einfach sehr viel mehr. Die hohe Anzahl der Hitzetage wird dazu führen, dass gerade vulnerable Gruppen wie Alte, Kranke und junge Kinder zu der Zeit krank, beziehungsweise sogar sterbenskrank werden. Hitze ist wirklich die größte Gefahr für uns. Wir können uns hier nur begrenzt anpassen.

 

 

Der Klimawandel ist nicht nur ein Problem für die Eisbären, sondern er ist ein Problem für uns als Menschen. Mit unserer Glaubwürdigkeit als Medizinerinnen und Mediziner müssen wir diese Nachricht kommunizieren.

 

Was müssen wir aus medizinischer Sicht tun, um auf den Klimawandel zu reagieren?

Für Medizinerinnen und Mediziner gibt es eine Verantwortung – nämlich das Problem zu sehen und zu sagen: „Der Klimawandel ist nicht nur ein Problem für die Eisbären, sondern er ist ein Problem für uns als Menschen.“ Mit unserer Glaubwürdigkeit als Medizinerinnen und Mediziner müssen wir diese Nachricht kommunizieren. Hinzu kommen zwei ganz große Aufgaben: Erstens müssen wir innerhalb des Gesundheitssystems dafür sorgen, dass wir die Patientinnen und Patienten vorbereiten. Wir müssen uns anpassen. Der Klimawandel ist reell vielleicht noch abzumildern, aber wir können ihn ja nicht aufhalten. Jahre wie 2003 oder 2018, diese megaheißen Jahre, in denen zum Beispiel in Frankreich sehr viele Menschen aufgrund der Hitze gestorben sind, werden die kühleren Sommer werden. Das heißt also, wir müssen hier Hitzeschutzpläne erarbeiten. Wir müssen Anpassungsstrategien an den Klimawandel entwickeln. Das ist das erste große Ziel, das wir im Gesundheitssystem haben. Und das Zweite ist die Abmilderung des Klimawandels. Hier muss der Gesundheitssektor selbst vor der eigenen Tür kehren. Wir sind als Gesundheitssektor einer der größten CO2-Produzenten weltweit. Zum einen natürlich, weil viele Menschen im Gesundheitssystem arbeiten. Zum anderen aber, weil wir zum Beispiel Krankenhäuser bauen, die nicht nachhaltig mit Energie wirtschaften. Die ganzen Versorgungsstrukturen müssen überdacht werden. Das Thema heißt „Green Hospital“. Auch hier müssen wir helfen, die Abmilderung des Klimawandels mit nach vorne zu treiben.

Der Gesundheitssektor ist nicht nur ein großer CO2-Produzent, sondern erzeugt auch viele Abfälle. Foto: iStock / Eplisterra

Was können Ärztinnen und Ärzte insgesamt, aber auch Arztpraxen zum Klimaschutz beitragen?

Arztpraxen können versuchen, Energie zu reduzieren. Die Reduktion von Energie hat einen hohen Effekt im Hinblick auf den Klimaschutz. Man kann eine Praxis so strukturieren, dass der Energieverbrauch sinkt. Aber ebenso sollte man versuchen, mit Blick auf den anfallenden Müll mehr Nachhaltigkeit in die Praxen zu bekommen. Hier gibt es Hilfen, die Checklisten und Pläne an die Hand geben, wie sich eine Arztpraxis selbst nachhaltig aufstellen kann. Gleichzeitig sollte das Thema Klimasprechstunde in die Praxen mit einfließen. Das heißt also, wenn ein Patient mit koronarer Herzerkrankung kommt, dann muss er aufgeklärt werden, was er zu tun hat, wenn eine Hitzeperiode kommt. Man sollte die Medikamente vor dem Sommer überprüfen: Wie wirken diese bei Hitze? Muss ich da etwas anpassen? Das Thema Klimasprechstunde muss in den täglichen Kontakt mit den Patientinnen und Patienten mit einfließen.

Mit dem Klimawandel drohen auch in unserer Breitengraden Infektionskrankheiten, welche Mücken übertragen, die eigentlich in tropischen Regionen zu Hause sind. Foto: iStock / Zbynek Pospisil

Dafür brauchen wir Ärztinnen und Ärzte unbedingt Zeit. Das ist etwas, das natürlich auf höherer Ebene zu klären ist, damit dieses Gespräch mit den Patientinnen und Patienten besser bewertet wird. Wenn ein Arzt eine halbe Stunde mit einem Patienten spricht, wie er sich anpassen kann an den Klimawandel, dann darf das keine Zeit sein, die er nicht bezahlt bekommt. Ein Arzt darf kein Minus machen, wenn er sich für Prävention einsetzt und sich vernünftig um seine Patientinnen und Patienten kümmert. Das kann nicht sein. Hier müssen wir auf struktureller Ebene Maßnahmen ergreifen, die es den Ärztinnen und Ärzten einfach möglich macht, diese Aspekte mit in das Arztgespräch mit einfließen zu lassen.

 

 

Arztpraxen können versuchen, Energie zu reduzieren. Die Reduktion von Energie hat einen hohen Effekt im Hinblick auf den Klimaschutz. Man kann eine Praxis so strukturieren, dass der Energieverbrauch sinkt.

 

Was müsste denn Politik hier unterstützend tun?

Wir müssen erst einmal klimaschädliche Subventionen stoppen. Warum muss denn zum Beispiel Fleisch eine reduzierte Steuer haben? Das muss nicht sein. Das ist ein ganz klassisches Beispiel. Zudem ist dem Klimawandel und Klimaschutz in allen Bereichen erste Priorität einzuräumen. Wenn ein Verkehrsminister dazu auffordert, den „Klimaschutz nicht übertreiben“, ist das natürlich das falsche Signal. Wir haben in Augsburg ein Zentrum für Klimaresilienz aufgebaut, wo wir in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Juristen, mit Geografen, mit Volkswirtschaftlern, mit Wirtschaftswissenschaftlern, mit Medizinern wirklich versuchen, in allen Bereichen Nachhaltigkeit und planetare Gesundheit zu stärken und in dieser Interdisziplinarität die notwendige Anpassung, nämlich Klimaresilienz zu schaffen. Das Thema Klimaresilienz sollte ganz oben stehen, ohne zu vergessen, dass man ebenso alles dafür tun muss, um den Klimawandel abzumildern. Daher sind die Energie- und Agrarwende die großen Punkte, die die Politik angehen muss.

 

Was muss sich in der medizinischen Ausbildung ändern?

Gerade gibt es eine Umfrage zum Thema, wie planetare Gesundheit in das Medizinstudium einfließt. Das tut sie zum Teil, allerdings noch zu wenig. Wir sind jetzt gerade dabei, die Edukation in dem Bereich auszuweiten. Das ist aber gerade erst am Anfang. Das Spannende ist, dass auch viel von den Studentinnen und Studenten selbst kommt. An der TU München habe ich das Fach Umweltmedizin gelesen und da auch das Thema Klimawandel mit reingebracht. Als ich 2014 damit angefangen habe – Umweltmedizin ist eine Pflichtvorlesung –, saßen die Studentinnen und Studenten erst so ein bisschen gelangweilt im Raum.

Traidl-Hoffmann (l.) gilt als renommierte Wissenschafterin: Nach Studium und Promotion begann die Ärztin am Klinikum rechts der Isar in München zu praktizieren und forschen. Foto: IMAGO / Stefan M. Prager

Und als ich ein paar Minuten gesprochen hatte, haben sie gemerkt: „Hoppla, das ist ja doch recht relevant.“ In den nächsten Jahren kamen die Studierenden dann zu mir und sagten: „Wir wollen da ein bisschen mehr machen, eigene Seminare über Mikroplastik, Klimawandel.“ Studierende haben dem Thema einen Schub gegeben. Es wird fast noch mehr von den Studierenden gefordert, als von den Professorinnen und Professoren geliefert wird. Dazu muss ich auch sagen, wenn ich in der Chefarzt-Runde zum Beispiel von planetarer Gesundheit spreche, werde ich zum Teil noch recht müde angelächelt.

 

Sorgt das Thema Klimawandel auch für eine Art Generationenkonflikt unter Ärzten und Ärztinnen?

Es ist natürlich so: Die Medizin ist sehr traditionell. Und der Chefarzt, der Chirurg oder der Herzchirurg der alten Schule glauben natürlich, dass sie ganz andere Probleme haben, als sich jetzt ums Klima zu kümmern. Ich glaube, was jetzt gerade die jungen Ärztinnen und Ärzte im Blick haben, ist die Langfristigkeit unseres Denkens. Es geht nicht nur darum, den Stent heute bei einem Patienten einzubringen, sondern es geht darum, dass dieser Patient auch die nächsten Jahre mit dem Stent überhaupt überstehen kann und dass natürlich auch die Kinder des Herzchirurgen ein Leben haben können, in dem sie noch die Möglichkeit haben, gesund zu sein. Ich glaube, dieses nicht nur bis 12 Uhr denken, sondern auch ein bisschen darüber hinaus, das muss noch in die Köpfe hereinkommen. Daran arbeiten wir. Viele haben wir bereits mitgenommen, aber es gibt noch einige, die mitzunehmen sind.

Die Fragen stellte Thomas Schmitt

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