06.01.2022

Felix Beetz, Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e. V.

Digitale Inhalte im Medizinstudium

Felix Beetz ist Medizinstudent an der Universtität Heidelberg und Bundeskoordinator für Gesundheitspolitik 2021/22 der Bundesvertretung
der Medizinstudierenden in Deutschland e. V. (bvmd). Foto: Lukas Zähring

Singuläre Lernblöcke zum Thema Digitalisierung werden nicht ausreichen. Um mit den digitalen Versorgungsstrukturen der Zukunft umgehen zu können, müssen entsprechende Kompetenzen bereits im Studium fächerübergreifend und longitudinal passend vermittelt werden.

Angetrieben durch die neuen digitalen Versorgungsstrukturen wird sich das Berufsbild zunehmend immer mehr in Richtung Gesundheitsmanagement und -beratung entwickeln – mit dem Arzt oder der Ärztin im Zentrum von vielen asynchronen digital gestützten Formen der Gesundheitsversorgung. Sie werden diverse, durch Mobile Health (mHealth) oder anderweitig generierte Daten interpretieren und Patient:innen durch die komplexen (digitalen) Strukturen und Angebote lotsen müssen.

In der Lehre sind wir von diesem Berufsbild noch weit entfernt. Gerade einmal 10,8 Prozent aller Medizinstudierenden haben den Eindruck, auf die Digitalisierung in der medizinischen Versorgung gut vorbereitet zu sein, mit sinkender Tendenz im Verlauf des Studiums. Es kann nicht erwartet werden, dass alle angehenden Ärzt:innen sich selbstständig in ihrer Freizeit mit Künstlicher Intelligenz in der Diagnostik, Telemedizin oder den Rahmenbedingungen und Potenzialen von Digitalen Gesundheitsanwendungen (Apps auf Rezept) beschäftigen. Aber: Dieses Wissen werden Patient:innen zukünftig voraussetzen.

Angesichts dieser Herausforderungen müssen die Inhalte zum Umgang mit Digitalisierung aus dem Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) zügig und flächendeckend in das Kerncurriculum aller Fakultäten integriert werden.

Medizinstudierende von heute müssen darauf vorbereitet werden, dass das Gesundheitssystem, in dem sie gerade studieren, nicht das gleiche sein wird, in das sie beruflich starten werden. Dieses Gesundheitssystem wird wiederum nicht das gleiche sein, in dem sie in zehn Jahren arbeiten werden. Diese Perspektive und die notwendigen Fähigkeiten, diesen Wandel zu formen und nicht nur zu erleiden, müssen bereits im Studium vermittelt werden.

Für all diese Entwicklungen braucht es allerdings auch die richtigen Rahmenbedingungen. Wenn Medizinstudierende auf eine Krankenhausstation kommen und zunächst in vier verschiedene Betriebssysteme eingearbeitet werden müssen und den Klebestift in die Hand gedrückt bekommen, damit sie die Bilder von der Ultraschalluntersuchung in die Papierakte kleben, führt das zu einiger Frustration und größerer Arbeitsbelastung. Digitalisierung muss sowohl gelehrt als auch an den Fakultäten und Kliniken ausreichend umgesetzt und finanziert werden.

Dabei soll nicht der Eindruck entstehen, dass Ärzt:innen halbe Fachinformatiker:innen werden müssen. Sie brauchen vor allem einen Überblick darüber, welchen Mehrwert und welche Funktionen verschiedene Technologien haben, um Patient:innen umfassend beraten zu können. Passende interprofessionelle Ansätze braucht es bereits im Studium, in die besonders Fachkräfte aus der Informationstechnik, zu denen es bis jetzt kaum Kontakt gibt, partnerschaftlich integriert werden.

Durch die Digitalisierung werden die historischen ärztlichen Kernkompetenzen nicht obsolet. Dafür ist Medizin viel zu unvorhersehbar, dynamisch und persönlich. Aber der moderne ärztliche Beruf wird sich ohne Digitalisierung nicht fortentwickeln können.

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